Beängstigend, aber romantisch: Brockhoff live in Köln

In dessen Verlauf präsentiert sie das Album fast vollständig: Von den 14 Songs darauf spielt Lina Brockhoff zwölf. Das liegt nicht daran, dass sie sonst kein Repertoire hat: Die Hamburger Gitarristin und Sängerin ist keine unerfahrene Newcomerin, hat 2023 zwei EPs veröffentlicht, die nach Art von Soccer Mommys “Collection” (2017) durchaus noch mal als Compilation erscheinen könnten, bei der Verwechslungsgefahr mit einem Debütalbum besteht.
Doch von den EPs gibt es an diesem lauen Abend im halb gefüllten Helios 37 nur wenig zu hören. Brockhoff ist stolz auf ihr Album, freut sich, es erstmals nicht im Vorprogramm von irgendjemandem präsentieren zu müssen, und sagt zwischen den Songs, wie schön es sich anfühlt, sich einen Traum erfüllt zu haben. Das hört man immer gern, viel lieber als ein lustlos genuscheltes “thank you” von etablierteren Acts. Auch die Anekdote, wie ihre Mutter kurz zuvor im Deutschlandfunk hörte, dass ein gewisser Tom Tickets für die Kölner Show gewonnen hat. Sie solle ihn grüßen. “Bist du überhaupt da, Tom?”, fragt sie nervös. Ist er.
In einer weiteren Pause, sagt Brockhoff noch, es sei so still im Publikum, das sei “ein bisschen beängstigend. Aber auch romantisch.” Die Leute, meist Pärchen jeder Altersklasse, hören eben zu, niemand ruft heute irgendeinen Quatsch rein. Stattdessen spielen Brockhoff und ihre Band nur durch Applaus unterbrochen ein Set, das trotz einer Zugabe und damit insgesamt 17 Songs gerne länger hätte dauern können. Für Fans von Soccer Mommy, Phoebe Bridgers, Francis Of Delirium und Co. sowieso, und wenn man das tatsächlich hochromantische “Front Row” hört, kommen auch Big Thief in den Sinn, von deren Song “Paul” Brockhoff vor Jahren ein reduziertes Cover aufnahm, das sie im Vorfeld ihrer Mini-Tour veröffentlichte.
Heute spielt sie es leider nicht, dafür “Bigger Picture” von ihrer Freundin und Stilgenossin Blush Always, in dem sie vor rund zwei Jahren als Featuregast auftrat. Auch ihre jüngste Zusammenarbeit, “Back Then (I Was Something)” mit Philine Sonny und jemandem namens Shelter Boy, interpretiert sie solo. Es klingt nach ihr, was nicht zuletzt an den Mitsingqualitäten liegt, die an ihre eigenen Songs “Hot Wheels” und “Blue Star” heranreichen. Denn das kann sie: Indierock mit Alternative- und Folk-Einschlag, deren Melodien sich festsetzen. Noch mehr in den Balladen, von denen es demnächst gern mehr geben darf.
Nach der letzten Zugabe läuft vom Band “The Climb” aus der Hannah-Montana-Phase von Miley Cyrus, ein Coming-of-age-Lied. Damit mag man als VISIONS-geschulter Mensch fremdeln, und das wohl auch zurecht in Hinblick auf die Disney-Maschinerie hinter Cyrus’ früher Karriere. Doch was wissen ältere Semester schon, wie es ist, mit “Camp Rock”, “Hannah Montana”, Taylor Swift und Avril Lavigne aufzuwachsen und daraus die Motivation zu ziehen, selbst Songs schreiben zu wollen? Gar nichts.
Allerdings erfordert es wirklich kaum Einfühlungsvermögen, sich vorzustellen, wie die junge Lina Brockhoff den Fernseher eingeschaltet und in den Videos zu “Complicated” und “Sk8ter Boi” (nur echt mit der Binnen-8) Lavigne mit ihrer Band aus zusammengecasteten Jungs gesehen hat, dazu mit Gitarre in der Hand. Fake hin, Co-Songwriter aus der Industrie her – das hat gewirkt und mittelbar zu einer neuen Generation Songwriterinnen geführt.
Zu deren jüngster Welle kann sich nun auch Brockhoff zählen. Während im Hintergrund das Disney-Zeug läuft, steht sie am Merchtisch, plaudert und bringt ihr Album auf Vinyl unters Volk (was Lavigne sicher nie getan hat). Zu dem auch junge Frauen gehören, denen man wünscht, dass sie jetzt ebenfalls auf die Idee gekommen sind, in eine gebrauchte Gitarre und ein Peter-Bursch-Buch zu investieren. An “Easy Peeler” und den EPs haben neben Leuten aus Brockhoffs Band übrigens auch ein paar externe Songwriter mitgearbeitet. Ohne Wissen um die genauen Umstände dahinter: Der Abend im Helios 37 hat gezeigt, dass sie alle Anlagen mitbringt, die nächste Platte allein zu schreiben.
Der Beitrag <img class="visions-plus aboplus-fahne" src="https://www.visions.de/wp-content/plugins/item-plenigo/img/visions_plus.svg"> Beängstigend, aber romantisch erschien zuerst auf VISIONS.de.



